Stadtflucht wegen Milieuschutz – eine Ergänzung zum Kurzbericht des IW Köln

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negativer Binnenwanderungssaldo

Einen interessanten Blick auf die derzeitigen innerdeutschen Wanderungsbewegungen wirft das IW Köln mit seinem Kurzbericht 20/2019. Danach wachsen zwar alle deutschen Großstädte. Allerdings nicht, wenn man nur die einheimische Bevölkerung betrachtet. In diesem Fall überwiegt eine Tendenz, von der Stadt weg aufs Land zu ziehen. Den einleitenden Kommentar auf seiner Webseite überschreibt das IW Köln passend mit den Worten „Die neue Stadtflucht“. Für das Bevölkerungswachstum sorgen demnach vor allem junge Inländer und Zuwanderer. Familien ziehen dagegen immer häufiger ins Umland der Großstädte.

ein Grund: die hohen Mietpreise

Als Gründe für die Stadtflucht der einheimischen Bevölkerung benennt die Studie das knappe Wohnungsangebot, die steigenden Mieten und die steigenden Immobilienpreise. Die Großstädte seien für die jüngere Bevölkerung aus dem eher ländlichen Raum sehr attraktiv. Nach der Gründung einer Familie besteht aber Bedarf für die Vergrößerung der Wohnung; bei den derzeitigen Preisen sei ein Eigenheim im Stadtgebiet für wachsende Bevölkerungsanteile nicht mehr erschwinglich, so daß man sich im Umland umsehe. Für das Umland sei das gut.

ein weiterer Grund: Milieuschutzgebiete verhindern Eigentumswohnungen…

Diese Überlegungen sind sicherlich richtig. Ich meine aber, es fehlt eine wesentliche Ergänzung, namentlich für den Berliner Raum. In den letzten Jahren wurden etliche neue Milieuschutzgebiete ausgewiesen, inzwischen sind es berlinweit 56. In solchen Gebieten wird die Aufteilung von Wohngebäuden, also die Entstehung von Eigentumswohnungen, von der Erteilung einer behördlichen Genehmigung abhängig gemacht. Die übliche Verwaltungspraxis ist, daß solche Genehmigungen nicht erteilt werden, wenn man das nicht aus gesetzlichen Gründen zwingend muß.

Folge ist, daß deutlich weniger Eigentumswohnungen entstehen, als nachgefragt werden.

…und damit die Entwicklung der Stadt im Einklang mit dem Lebensweg der Bewohner.

Mit der Gründung einer Familie wächst nicht nur der Raumbedarf, sondern etwa zeitgleich entsteht auch ein Bedürfnis nach Altersvorsorge und Absicherung der Familie für die Zukunft, sprich: die Anschaffung von Wohneigentum. In den Milieuschutzgebieten geht das dann nicht, was dazu führt, daß die dort wohnende Bevölkerung umziehen muß, wenn sie kaufen will. Da es – wegen des Milieuschutzgebietes – in der näheren Umgebung kein Angebot gibt, muß man ohnehin aus dem Kiez wegziehen. Dann kann man sich in der Tat auch hinter der Stadtgrenze in Brandenburg etwas suchen, Fahrtwege gibt es künftig ja ohnehin und dort ist es günstiger.

Wäre es hingegen möglich gewesen, kaufbares Eigentum in der räumlichen Nähe der bisherigen Wohnung zu finden, würden die meisten Menschen dazu tendieren, trotz der höheren Preise dort zu kaufen – so jedenfalls die Einschätzung aus unseren Beratungen bei Haus & Grund. Denn die niedrigen Zinsen erlauben das finanziell, der Werterhalt ist in innerstädtischer Lage eher garantiert als im Umland und man ist in seinem Kiez verwurzelt, das gesamte soziale Umfeld ist dort, die Kita oder Schule, die anderen Eltern, das bisherige Leben eben. Dieses soziale Umfeld zieht allerdings auch früher oder später um, aus den gleichen Gründen.

So wird die Bevölkerung, die man zu schützen versucht, nachhaltig motiviert, die Stadt zu verlassen.

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